Was im Job in vielen Unternehmen eine wichtige Errungenschaft ist, funktioniert als pflegender Angehöriger leider nicht. Nämlich das Stellen einer Überlastungsanzeige, wenn man überfordert ist. Da gibt es keinen Antrag. Kein Formular. Keine Entlastungsstelle.
Da muss man durch. Selbst über Grenzen hinweg.
Deshalb einfach mal ein Hoch auf diejenigen, die genau das gerade stemmen – zusätzlich zum Beruf, in der Freizeit, am Wochenende. Menschen, die ständig zwischen komplett unterschiedlichen Welten wechseln und versuchen, dabei nicht selbst in den Notstrommodus zu geraten.
Die sich in dem Dauer-Spagat selbst organisieren – nach bestem Wissen und Gewissen – und ganz nebenbei neue „Zusatzqualifikationen“ erwerben:
Pflegemanagement. Konfliktmanagement. Mediation. Seelsorge. Selbstfürsorge. Häufig auch Kampfkunst – für den Bürokratie-Dschungel. Plus: Techniken zum Frustabbau. (Gerade, wenn Demenz der Gegner ist.)
Und immer wieder Demut.
Ein Hoch auch auf Unternehmen und Führungskräfte, die diese doppelte Leistung sehen. Die unterstützen und wertschätzen. Das ist stark. Und so wichtig.
Was allerdings nicht geht: Doppelmoral.
Denn auch das erleben viele pflegende Angehörige: Unsere leidgeprüfte Kriegsgeneration – zum Beispiel unsere Großmütter & Mütter. Frauen, die als Kind Bomben, Hunger, Flucht und Vertreibung überstanden. Die nie klagten. Immer weitermachten. Unser Land wieder mit aufbauten. Ihre kriegstraumatisierten Eltern pflegten und dabei halfen, auch unseren Nachwuchs zu erziehen. Menschen, deren Leben mit dem Schrecklichsten begann – und die Härte als Normalzustand kannten …
Und ausgerechnet für diese stillen, starken Frauen, deren Kraft nun verbraucht ist, muss man im heutigen System – trotz Hilflosigkeit & Demenz – wie verrückt um einen halben Punkt bei der Einstufung in die Pflegestufe kämpfen, damit sie angemessen versorgt werden? Dabei gegenüber Institutionen manchmal noch vor unverschämten Bemerkungen schützen („Wir sind schließlich nur eine Teilkasko. Irgendwie bewegen kann die sich ja noch. Ob sie tagsüber verhungert, ist nicht unser Problem.“)?
Geht gar nicht, finde ich.
Was sagst du?
