Macher oder Poser 2

Macher oder Poser

Ich finde, wir haben kein Defizit beim Erkennen und Reden. Wir haben ein Umsetzungsproblem.

Seit Längerem beschleicht mich beim Beobachten unterschiedlicher Bereiche in unserem Alltag dasselbe Gefühl – egal, ob es dabei um Produktversprechen und Kundenservice geht, die schlichte Lieferung der zugesagten Antwort eines Businesspartners in meinem Email-Mail-Fach, um das Funktionieren unseres Pflege- und Gesundheitssystems oder der Reiseversprechen der Deutschen Bahn, – egal, ob um die notwendigen Entscheidungen und Grundlagen für unser Vorhaben „Wir schaffen das“ oder Parteiversprechen, bevor Wähler das nächste Mal zur Wahlurne schreiten: An schönen Worten und Werbeversprechen mangelt es uns nicht. Doch an dem, was dahinterkommt. Das Ergebnis – das Tun. In Wahrheit wird das, was zuvor angedacht oder zugesagt wird, immer seltener umgesetzt. Ist zumindest mein Empfinden.

Und noch etwas fiel mir in letzter Zeit auf.

Wir haben mittlerweile eine deutlich schickere Manager- und Politiker-Generation. Dabei ist gegen „schick“ überhaupt nichts zu sagen! Ich liebe Menschen, die Sinn für Stil haben. Und solche, die in ihren stylischen Outfits etwas tun – sich dafür einsetzen, woran sie glauben und was sie bei Amtsantritt geschworen haben. Unsere Mächtigen sehe ich nun immer öfter posen bei ihrem täglichen Job. Das liegt natürlich nicht an ihnen. Eher an unserer visuell geprägten Welt. Und so sind die Genannten regelrecht gezwungen, in stylischen Pumps und gut geschnittenen Kostümen bei Terminen in aller Welt noch schnell für Insta zu lächeln. Manchmal sogar mit fetzigem (sorry, 80er Vokabular!) „Sex and the City“-Soundtrack unterlegt, während sie gerade dynamisch in ein Taxi springen. Eins stelle ich dabei nicht in Frage: Sie alle haben unglaublich viel zu tun! Sieben Tage die Woche. Und dann sehen sie dabei noch so unglaublich frisch aus. Respekt. Und logisch, dass dafür immer auch ein hochbezahlter Visagist in der Nähe sein muss.

Doch eins habe ich mich kürzlich trotzdem gefragt:

Wo zum Beispiel sind eigentlich diese biederen, in absolut langweilige Anzüge gehüllte Politiker-Typen aus den 80er Jahren geblieben? Jene Entscheider, die – sobald sie für die Abendnachrichten mit der Kamera eingefangen wurden – ständig in ebenso langweiligen, verrauchten Elefantenrunden saßen, um ewig lange um ein Thema zu ringen … Und abends, nach Dienstschluss, gleich weiter in einer der wenigen, kleinen Bonner Stammkneipen – im besten Fall mit echter Lösung?

Ich kann mir nicht helfen. Irgendwie vermisse ich sie.

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