Gedankenschätze für zwischendurch - Verletzlich ist das neue Stark! 2

Gedankenschätze für zwischendurch – Verletzlich ist das neue Stark!

Als ich diese Überschrift kürzlich in einer Zeitschrift las, musste ich sofort nicken. Schöner Gedanke. Klug. Aber wirklich wahr? Unterschreiben kann ich die Haltung sofort. Im Alltag aber schon überall spüren? Nein. Noch hat die Coolness Vorfahrt. Auch, wenn wir längst ein Gegengift zu ihr brauchen. So zumindest nehme ich das zunehmend wahr. Wärme, Höflichkeit, echtes Interesse am anderen verschwinden Stück für Stück um uns herum. Werden begraben unter täglicher Eile. Dem Bemühen um schnelle Ergebnisse, Einkommen und Hochglanzprofile in sozialen Netzwerken, die manchmal wenig sozial daherkommen. Woher im Täglichen auch die Zeit für Tiefe und Feingefühl nehmen? Uns bleibt immer weniger Zeit für die Sorgen anderer: Den freundlichen Blick an der Kasse, das Ohr für die Fremde in der Bahn, die Traurigkeit im Gesicht des Nachbarn, der mit uns den Fahrstuhl besteigt. Ebenso getaktet wie wir, mit Autoschlüssel, Handy und Einkaufstasche in der Hand. Wenig sinnvoll, sich da auch selbst verletzlich zu zeigen, denn seit Jahrzehnten glauben wir: Wer Erfolg haben will, muss stark und tough sein. Sanftheit ist Schwäche. Dabei steigern wir uns zu Tode. 

Schon länger bejubeln Wissenschaftler, Trainer, Autoren eine neue Zärtlichkeit, die in unseren Alltag Einzug halten sollte, denn sie besitzt eine stille Kraft. Eine, die unsere versteinerten Gesichter wieder weicher machen kann. Jeden Narzissmus durchdringt und sich sanft um das Wichtigste im Leben kümmert: Die Liebe zu uns selbst und die zu anderen. Menschlichkeit eben. Klar, brauchen wir auch Abwehrmechanismen. Solche, um uns nicht von allem ablenken zu lassen, Herausforderungen zu meistern und vor echten Angriffen zu bewahren. Aber manchmal sind wir auch einfach nur zu müde und nervös, um wach zu bleiben, uns wirklich für andere zu interessieren und dieser Aggregatzustand scheint, meiner Wahrnehmung nach, immer häufiger aufzutreten. So, wie es Peter Handke einmal schrieb: Dass in unserer Gesellschaft eine entzweiende Müdigkeit herrscht, die uns von einander isoliert. Andererseits gibt es diese Hoffnungsschimmer. Menschen, die es anders machen und zwar mit begnadeter Widerstandskraft! Mutmacher wie diese Straßen-Docs zum Beispiel; Ärzte für Arme. Sie gehen dorthin, wo es weh tut und trotzdem sagen sie, sie bekämen auch viel zurück. In jedem Fall sehen sie ihre Patienten. Hören sie nicht nur ab, sondern hören ihnen auch zu. Genau wie diese wunderbaren Initiatoren von „Das Ohr“; einem Zuhör-Kiosk in der Hamburger U-Bahn-Station. Menschen, die ehrenamtlich dort sitzen und jeden zu sich hineinbitten, der etwas auf dem Herzen hat. Der einfach mal reden möchte oder es sogar unbedingt muss mit all seinen Fragen, Schicksalswendungen, Zweifeln und sonst niemanden hat, dem er sich so öffnen kann. Fremde Freunde nennen sich die freiwilligen Zuhörer dort im U-Bahn-Schacht. Sind neutral genug, damit man ihnen auch Unangenehmes anvertrauen kann und trotzdem zugewandt wie ein Freund. Was für ein tolles Projekt, denn wo gibt es so etwas schon? Einfach mal da sein. Verbindlich sein. Auch für Fremde. Die Macher dort investieren jedenfalls das Teuerste, was Menschen besitzen: Ihre Zeit.

Auch das ist Politik, denn sie findet nicht nur in geschlossenen Sälen und auf höchster Ebene statt. Sondern mitten unter uns. Jeden Tag!

Sie betrifft jedes unserer Worte. Jede Haltung in Büro, Klassenzimmer, Fahrstuhl, an der Ampel. Sie geschieht zwischen uns. Von Mensch zu Mensch. Falls wir wach sind. Und deshalb auch von mir die Hymne: Es lebe die Verletzlichkeit, die Zärtlichkeit, die beherzte Sanftmut, denn sie sind alles andere als schwach. Es sind die neuen Helden, die uns retten können vorm Mit-sich-selbst-Verheddert-sein. Kräfte, die für Frischluft sorgen in unserem Leben. Für mehr Mitgefühl, Verbindlichkeit, ein neues Miteinander. In diesem Sinne, passen Sie auf sich auf! Achten Sie auf Ihre Gefühle und auf die der anderen um Sie herum – oder wie einst ein Dichter sagte: „Sei höflich mit mir, sei behutsam. Die Zeit, die uns bleibt, ist kurz.“