Gedanken zwischendurch - Aufruhr 2

Gedanken zwischendurch – Aufruhr

In mir herrscht Aufruhr. Bewegt von dem, was sich verändert um uns herum: In Köpfen, Herzen, unserer Sprache, im Netz, im Alltag – mit echten Konsequenzen für unser Leben. Lebensthemen waren immer mein Feld. Als Moderatorin, Autorin, bei Vorträgen und Seelsorge-Einsätzen. Meine aktuellen Projekte und Interviews beschäftigen sich mit persönlichen Neuanfängen. Nun sind seit einiger Zeit auch in mir neue Fragezeichen.

Ich spürte: Ich fühle mich zunehmend sprachlos. 

Am Abend des 9. Oktober 2019 aber ist etwas passiert. Beim Marsch um den Ring zum Lichterfest im Jubiläumsjahr 3o Jahre Mauerfall in Leipzig, zusammen mit meinem Sohn. Erst jetzt erzählte ich ihm derart intensiv von meinen Erlebnissen im Jahr `89. Er ist gerade am gleichen Punkt wie ich damals bei den entscheidenden Märschen in meiner Heimatstadt. Auch in Ausbildung. Macht Pläne. Startet los in die eigene Zukunft. 

Doch in welche? 

So wie von Bekannten, Freunden, Kollegen, höre ich neuerdings auch von Kumpels in seinem Alter diese leise, dringliche Frage: Was passiert gerade mit dieser Welt und wie/wo soll ich in Zukunft leben? Und plötzlich höre ich diese Frage auch wieder in mir. Denn dort, inmitten der Menschenmassen vor einer Woche, erneut mit einem Licht in der Hand, erinnerte ich mich nach einer Ewigkeit an meine Gefühle von einst: An den 9. Oktober 1989 in der Heldenstadt und einen Monat später an den 9. November in Berlin, als ich gerade meine erste Volontärs-WG der “Aktuellen Redaktion” von Jugendradio DT`64 im Prenzlauer Berg bezogen hatte. Direkt an der Grenze zu Westberlin. Nun erlebe ich alles noch einmal: Diese Nacht, in der wir sofort „rüber machen“. Eine halbe Stunde nach Schabowski`s Pressekonferenz im Fernsehen und seiner berühmter Antwort auf diese Nachfrage eines Hamburger Zeitungsreporters „Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich“ – und wie wir damit Teil einer historischen Nacht werden. Uns in dem Armen liegen mit wildfremden Menschen. Sektflaschen geschenkt bekommen. Sie gleich im Laufen öffnen. Jubeln, lachen, singen und immer wieder denken: Das kann doch nicht wahr sein! Aber es war wahr. Kurz zuvor noch liefen wir als junge Auszubildende beim Radio mit riesigen Aufnahmegeräten durch die Straßen und hatten Anliegen und Emotionen von Demonstrierenden eingefangen. Klar, Archivaufnahmen dieser Art sieht man nun im Jubiläumsjahr ständig. Aber das, was keine Kamera der Welt festhalten konnte, ist das Gefühl, das wir damals bei alledem hatten und es lautete: 

Alles ist möglich! 

Schließlich waren wir Teil eines Wunders geworden und das Großartige daran? Wer tatsächlich einmal ein Wunder in seinem Leben erlebt hat, für den scheint alles machbar. Denn nun kennt er das kostbare Gefühl der absoluten Freiheit, Tatkraft und Zuversicht, das man mit dieser Gewissheit vielleicht nur ein einziges Mal in seinem Leben empfindet. Für mich jedenfalls war das damals so und ich habe etwas daraus gemacht.

Das Bewegende an dem Lichterfest, jetzt 30 Jahre später mit meinem Sohn, war das Zusammentreffen mit einem weiteren Ereignis: Wenige Stunden zuvor war ich mit ihm in der Ludwig-Wucherer-Straße in Halle unterwegs. Seiner Uni-Stadt. Genau zum Tatzeitpunkt liefen wir auf offener Straße, wenige Schritte entfernt von den zweiten Schüssen des Schützen im Döner Imbiss. Ohne Worte. Nur so viel: Gegensätzlicher und aufrüttelnder hätte dieser Tag nicht sein können und noch heute sind meine Gedanken bei denen, die nicht mehr unter uns sind und bei ihren Familien. 

Was ich mir für unsere Zukunft wünsche? 

Frieden. Integrität. Wahrhaftigkeit. Wertschätzung. Persönlichkeiten mit Rückgrat. Hey, ich komme aus den Achtzigern und Neunzigern! Damals hatten wir Helden wie Magnum oder Rocky Balboa. Aber im Ernst: Auch solche im echten Leben. Regine Hildebrandt zum Beispiel, die ich kennenlernen konnte und wirklich vermisse als Priesterin und Soldat ihrer Sache. Als Mensch. In jedem Fall wünsche uns allen eine neue Verbindlichkeit und zwar dringend. Unter Nachbarn, Geschäftspartnern, zwischen Politikern und Volk. Eine, die mir in den vergangenen Jahren verloren gegangen scheint. Gerade im Jubiläumsjahr nehme ich wahr, dass mit dem Finger auf nach wie vor bestehenden Unterschiede und Vorbehalte zwischen Ost und West gezeigt wird. Zwar wird es überall vollmundig anders beworben. Trotzdem äußern sich Menschen in persönlichen Gesprächen so, dass in ihren Augen jene vielbeschworene, innere Einheit in drei Jahrzehnten nicht gelungen sei. Ich selbst sah mich nie als Ossifrau. Wenn gleich ich sehr stolz bin auf die Region, aus der ich stamme und in der ich auch heute lebe. Bin stolz auf die Menschen hier. Ein Volk, dem friedlich eine demokratische Revolution gelang und vieles mehr. Sehe verpaßte Chancen für den gemeinsamen Neuanfang nach dem Fall der Mauer und Gutes. In jedem Fall betrachte ich mich als Deutsche und Europäerin. Als Berufstätige, Mutter, Freundin, Nachbarin, Kreative, Helferin, engagierte Frau. Punkt. Oder nein, besser kein Punkt. Denn Fertigsein möchte ich nie. Habe immer nächste Träume. Will Neues lernen und entdecken, bis ich alt und runzlig bin. Auch an mir selbst. Seiten oder Fähigkeiten, die ich vielleicht noch gar nicht kenne oder zumindest noch nicht gelebt habe. Wir Menschen sind bunt und vielfältig. Passen in keine Schublade. Das ist ja Schöne.  

Vor allem, finde ich, haben wir keine Zeit mehr für Unterschiede oder Wertungen. Sie bringen uns einander weder näher, noch stehen sie uns in den seltensten Fällen zu. Ja, auch das Richten über Lebensrealitäten anderer Menschen regt mich in diesen Tagen auf, denn schon die Indianer wußten: Bevor Du über jemanden urteilst, gehe zuvor zwanzig Meilen in seinen Sandalen und genau so sollten wir miteinander umgehen. In Ost und West, auf der ganzen Welt und vor allem im Alltag: Offen, neugierig und fair. Was mir allerdings noch wichtiger ist in diesen Tagen: Geschaffte innere Einheit hin oder her – wir haben jetzt andere Probleme und die müssen wir gemeinsam lösen. Mit Blick in dieselbe Richtung,  denn sie treffen uns alle. Was dabei nicht hilft: Politik, der es statt Innovation und Anliegen der Bevölkerung um Personaldebatten geht. Regionalkonferenzen, bei denen sich Volksvertreter zwar Franzen an den Mund reden können, aber trotzdem uneindeutig bleiben. Gewisse Themen gar nicht erst in den Mund nehmen dürfen, weil das Umfragewerte senken könnte. Antworten auf Fragen, die gar nicht gestellt wurden und Fragen, die nie beantwortet werden. Miese Töne in der Kommunikation und Lügen, die ungestraft bleiben. Genauso wenig wie fraglich begründete Justizurteile. Auch solche nach Verhandlungen über Persönlichkeitsrechte. Respekt wiederum habe ich vor jedem, der hier täglich sein Bestes gibt, damit das mit unserer Demokratie, Bildung, Pflege, Sicherheit funktioniert.

Ich selbst arbeite seit Jahrzehnten mit Sprache und doch spürte ich, wie ich in letzter Zeit verstummte. Erstmal versuchte, zu begreifen. Um Ausdruck meines inneren Aufruhrs rang. Bin ja schließlich, wie jeder von uns, täglich an vielen fordernden Fronten unterwegs: Arbeite, sichere das Einkommen, bin Mutter, Freundin, kümmere mich um andere Familienmitglieder oder Nachbarn als ehrenamtliche Seelsorgerin. Jetzt aber will ich meiner Sorge um unsere Zukunft Ausdruck verleihen. Sie aufschreiben, aussprechen und mehr. Denn entscheidend an diesem Punkt – nach all dem Beobachten, Nachdenken, Trauern, Kopfschütteln – scheint mir die nächste, laut gestellte Frage an mich selbst zu sein. Das Fazit aus all den Fragezeichen zuvor: 

Was kann ich tun?

In meinem Buch schrieb ich kürzlich: Für einen Anfang ist es nie zu spät und das geht klar über den persönlichen Wunsch nach Veränderung in der zweiten Lebenshälfte hinaus. Schließlich braucht es  diesen Mut zu neuen Wegen nicht nur fürs Private. Auch für das Leben als Teil dieser Gesellschaft und hier wünsche ich mir echte Begegnungen und Interesse am anderen. Weniger Worthülsen, Beliebigkeit, Darstellung, Egoismus. Mehr Aktion und Engagement für Sinnvolles. Deshalb habe auch ich keine Zeit mehr, um sprachlos zu bleiben und traurig oder zurückgezogen im eigenen „C“. Vielleicht kennen Sie noch dieses Fangspiel aus Kindertagen? Man jagte sich, um sich gegenseitig abzuschlagen. Nur wer sich in eine vorher vereinbarte Schutzecke an einer Hauswand flüchtete, war sicher. Offiziell immun gegen die Gefahr des Abschlag-Angriffs durch andere. Dieses „C“ gibt es in der Erwachsenenwelt nicht mehr und schon gar nicht in herausfordernden Zeiten wie diesen. Also werde ich mich zu brisanten Themen äußern. Bei Auftritten und in privaten Gesprächen. Werde mich noch stärker ehrenamtlich engagieren – und zwar dort, wo ich etwas nach meinen Vorstellungen bewegen kann. Für dieses Land. Für einzelne Menschen. Solche, die Zuversicht und Rückenwind benötigen, um ihr Leben selbstverantwortlich zu gestalten. Denn Menschen mit Kraft und echten Werten, sind autark und ihre eigene Lokomotive. Weniger verführbar von der Zugkraft anderer und deshalb werfe ich all diese Fragen an mich selbst auch hier in den Ring: 

Was erscheint Euch momentan relevant? Was wollt Ihr verändern? Was benötigt Ihr dafür und was wünscht Ihr Euch für unser Land, die Welt, Euren Ort, die Nachbarschaft oder Einrichtung, in der Ihr arbeitet?

Berichtet hier davon:

https://www.facebook.com/peggy.patzschke/
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