Gedankenschätze für zwischendurch - Die zwischen den Vulkanen lebt 2

Gedankenschätze für zwischendurch – Die zwischen den Vulkanen lebt

„Liebeskummer?“, sagte kürzlich eine Freundin beim Weinabend zu mir. „Ist das nicht dieser jämmerlicher Geisteszustand, in dem man nichts anderes mehr mitbekommt? Ich nickte. „Ja, so ähnlich, als fährt man gedankenverloren bei Regen in den Rennsteigtunnel ein und bemerkt selbst nach 7 Kilometern nicht, dass die Scheibenwischer noch immer auf Höchststufe arbeiten.“ An der Stelle kicherten wir und philosophierten noch eine Weile weiter. Darüber, woher man denn nun weiss, was wahre Liebe ist und wie man mit ihrer Intensität klarkommt, sollte sie sich im Alltag nicht leben lassen. Später an dem Abend musste ich plötzlich an Irena denken. Sah mich wieder dort in ihrem Salon in Quito sitzen…

Irena Seidlitz hat nicht nur Stil. Sie ist Stil. Geboren in Salzburg, lebt sie seit Jahrzehnten in Ecuador. Und wie es sich für eine Frau von Stil gehört, bleibt sie auch nicht irgendwo in einem Land. Sie wohnt in der Hauptstadt, im von Schnee bedeckten Vulkanen umgebenen Quito. Eine Stadt, scheinbar ein Widerspruch, in der das ganze Jahr über Frühling herrscht. Irenas Mann holte sie 1970 hierher. „Ob wir den Mann unseres Lebens gefunden haben“, sagt sie gleich zur Begrüßung mit Blick auf das Foto neben sich „wissen wir Frauen ja meist erst nach dem Tod. Ich hatte Glück. Ich wusste es eher.“ Dabei lacht sie und ich mit ihr. Dann bietet sie mir einen Stuhl an. „Er war ein wertvoller Mensch und ich sage ihnen auch warum. Er war einer von diesen Männern, die einen zum Lachen bringen. Und zum Weinen. Sicher, wir Frauen können einige Männer kennenlernen und vielleicht haben wir auch bei einigen das Gefühl, dass sie uns gut tun. Aber nur einer schafft es, unsere Seele zu berühren. Manchmal weiss er es gar nicht und schenkt uns nicht dieselbe Liebe zurück. Aber ich hatte nun mal das Glück, dass sich beides fügte. Wissen sie, woran ich erkannt habe, dass ich auch für ihn die Nummer Eins war? Er liebte mich gerade da am meisten, als ich es am wenigsten verdient hatte. Glauben sie mir, so etwas gibt es wirklich nicht oft.“
Ich höre ihr aufmerksam zu und fühle, dass ich den Teil ihrer Worte, den ich heute noch nicht verstehe, irgendwann gebrauchen werde. Jemanden lieben, wenn er es am wenigsten verdient hat. Geht das? Oft sind wir getrieben von Verletzung und Rache. Unfähig zu verzeihen und selbst wieder glücklich zu werden. „Was heisst das?“, frage ich nach. „Was genau hat er getan?“ Sie zögert für einen Moment. „Nun, wir hatten uns mal eine Zeit lang getrennt. Entfremdet. Eigentlich ging es von mir aus. Ich wusste damals noch nicht viel vom Leben. Jedenfalls nicht die entscheidenden Dinge. Also, zu wissen, dass sich alles verändert und dass das gut so ist. Um den Alltag zu meistern und entspannt dabei zu bleiben, muss man sich darüber im Klaren sein. Das, was mich heute leiden lässt, schenkt mir später vielleicht Freude, und das, worüber ich heute so glücklich bin, kann mir morgen Schmerzen verursachen. Nichts bleibt wie es ist. Aber es wird immer schöner, wenn man zusammenhält. Dafür braucht man Geduld. Ich hatte die damals nicht. Schon bald, nachdem wir zusammengezogen waren, spürte ich eine Veränderung. Ich dachte, er liebt mich nicht mehr richtig. Er war mir zwar treu, aber viel unterwegs und er trug das Herz nicht gerade auf der Zunge. Wie Männer so sind. Tja, und ich war jung. Allein. Sie wissen schon! Ich habe ihn verlassen, ohne dass ich es wollte. Und ich habe mich sehr damit beeilt, weil ich jung war. Eine schwerwiegende Entscheidung zu treffen, ohne sich darum zu kümmern, wohin sie führt – diesen Mut bringt man nur in der Jugend auf. Man denkt, dass man alles rückgängig machen kann und ewig Zeit hat. Hat man aber nicht. Ich verließ ihn, damit er mich hält. Tat er aber nicht. Wie heisst es so schön: Frauen trennen sich vorsorglich. Männer endgültig. Das Leben ist schon seltsam. An seinen Scheidewegen stehen keine Hinweisschilder. Irgendwann später entdeckte ich, dass wir uns im Grunde unserer Seele sehr ähnlich sind. Nur das Tempo unserer Reise war verschieden. Er war zehn Jahre älter. Nein, neun ein Viertel! Darauf legte er immer sehr viel wert.“ Sie lacht. „Er war wirklich wunderbar. In unserer gemeinsamen Zeit trug er mir nie etwas nach. Er lebte nach dem Motto, wie es in diesen Zeilen eines türkischen Dichters heisst: Den Menschen, die ich liebe, könnt ich zürnen. Wenn Liebe mich nicht gelehrt hätte, traurig zu sein.“
Irena gießt mir etwas Tee ein und setzt sich ein Stück näher. „Natürlich war er verletzt.“, erklärt sie dabei. „Darüber sprach er aber nie. Wenn er einmal vergeben hatte, dann wirklich. Nicht so wie diese Berufsromantiker, die dir dutzendweise Rosen und Diamanten schenken und dann bei der Trennung alles wieder zurückverlangen. Ich erkannte, was wahre Liebe ist und dass wahre Liebe sehr still sein kann.“
„Wie ging es weiter“, drängele ich.
„Nun, es verging Zeit.“
„Und dann?“
„Dann bekam er statt eines Mädchens eine Frau zurück.“
Ich strahle. „Herrlich. Das ist Romanstoff!“
Irenas Blick ist kurz und prüfend. „Nun, so einfach war es natürlich nicht. Es hat lange gedauert, bis wir wieder zueinander fanden. Beim zweiten Mal schlägt kein Blitz ein, wissen sie. Es fühlt sich eher an wie ein erlösender Sommerregen nach einem viel zu langen Tag. Das zweite Glück ist nämlich sehr scheu.“

Genau das wünsche ich Ihnen heute bei einer Sache, die Ihnen fast verloren scheint: Ein zweites Glück. Nicht laut, sondern leise. So wie ein erlösender Sommerregen nach einem viel zu langen Tag. Aber von einer solchen Bedeutung, wie man sie selten erlebt.
Und schreiben Sie mir gern auch Ihren Lieblingsimpuls! Von einem Gedanken oder einer Begegnung, die Sie nie vergessen werden. Lassen Sie uns das Glück teilen. Schließlich vermehrt es sich dabei 🙂